Eine Geschichte aus dem Leben einer kleinen Küchenuhr...
Es war einmal eine Küchenuhr, die hing in einer Küche auf einem Bauernhof, bei einem alten Ehepaar an der Wand und tickte und tickte und zeigte immer -so wie es ihre Aufgabe war -die Uhrzeit an. So tat sie das jahraus, jahrein. In den ersten Jahren, nachdem sie angeschafft worden war, schaute sie sich genau in ihrer Küche um. Es war keine besonders große Küche, aber es reichte für einen Tisch, zwei Stühle, eine Spüle und einen gusseisernen Ofen, in dem im Winter die Holzscheite so heimelig knisterten und es so gut nach Holz roch. An den Wänden hingen Handtücher, ein paar alte Löffel, Kellen und ein Schneebesen und direkt gegenüber war ein Bild von einem Baum, der im Herbst in Hülle und Fülle rotbackige, runde, kräftige Äpfelchen hervorbrachte. Von der Decke schaukelte eine kleine, blinde Lampe, die ein notdürftiges Lichtlein hervorbrachte. Aber an der Wand, direkt neben der Küchenuhr, gab es ein Fensterchen, durch das die Küchenuhr etwas nach draußen gucken konnte - das war am allerspannendsten! - Von dort aus konnte sie auch zu jeder vollen Stunde ihre nächste Verwandte, die alte Kirchturmuhr hören, die mit ihren tiefen Schlägen die Stunden anschlug. SEHEN konnte sie sie nicht, aber sie konnte sich vorstellen, wie groß und schön und stolz diese mächtige alte Uhr wohl wäre.
In der Küche lebten der Bauer und seine Frau - jedenfalls häufig - manchmal bekam die Küchenuhr die beiden auch nicht zu Gesicht, aber dann konnte sie die beiden hören - wenn sie in der guten Stube nebenan zum Beispiel Besuch hatten und alle ganz viel redeten, aber das kam ganz selten nur vor. Oder wenn die beiden abends, wenn sie das Licht in der Küche ausgeschaltet hatten, die alten Holzstiegen hochschlurften und sich oben, über dem Kopf der Küchenuhr zu Bett begaben. Dann knarzte und knackste es gelegentlich aus den alten Sprungfedern der Betten. In der Nacht, wenn es GANZ leise war und niemand mehr Geräusche machte, da konnte die Küchenuhr den Bauern und die Bäuerin manchmal ganz laut atmen hören und es hörte sich an, als würden die beiden die Holzscheite für den Winter zurecht sägen. Das klang lustig und machte der kleinen Küchenuhr viel Spass.
Wenn aber selbst das Holzsägen nicht mehr zu hören war, ja - DANN hörte die Küchenuhr nur noch ihr eigenes Ticken - tick tack tick tack tick tack.
So hing sie nachts alleine an der Wand ihren Gedanken nach.
Sie fragte sich, was sie noch aus ihrem Leben machen könnte. Sie war natürlich gerne eine Küchenuhr - ganz besonders an den Tagen, an denen die Bäuerin einen kleinen Schlüssel aus einer Schublade im Tisch nahm und damit die kleine Küchenuhr aufzog - DAS tat gut - nach einer Woche tick tack tick tack, diesen Schlüssel in ihrem Inneren zu spüren, der Schlüssel, der ihr wieder neuen Schwung gab, der ihr tick tack wieder schneller werden ließ und der sie so lieb und zärtlich im Bauch krabbelte.
Und dennoch, sie träumte von einem anderen Leben - denn auch wenn sie eine glückliche kleine Küchenuhr war - sie sah doch, dass es im Leben auch noch andere Dinge gab und das interessierte sie brennend.
Manchmal, wenn der Bauer beim Frühstück seine Zeitung in die Hand nahm, um daraus zu lesen, da wünschte sich die kleine Küchenuhr, dass sie in ihrem nächsten Leben eine Zeitung werden würde. Sie wäre dann besonders klug und belesen, wüsste immer das Neueste aus aller Welt -was zum Kuckuck ist alle Welt? - sie würde von den alten, schon faltigen Händen zärtlich gehalten, umgeblättert, der Bauer würde sich in sie vertiefen, seine Augen würden sich auf sie senken und sie hätte seine volle Aufmerksamkeit - HACH, das wäre ein schönes Leben, dachte die kleine Küchenuhr.
"Das möchte ich mal werden, wenn ich keine kleine Küchenuhr mehr bin!"
Manchmal wünschte sie sich auch, einer der gusseisernen Töpfe zu sein, aus denen es immer so herrlich brodelte und von denen ein so wunderbarer, würziger Duft kam, wenn die Bäuerin kochte.
Dann würde sie die herrlichen Speisen, diese leckeren Gewürze und die frischen Kräuter als erste schmecken dürfen, stünde mal auf dem Ofen, mal auf dem Tisch und würde nach dem Kochen von der Bäuerin ganz zärtlich und sanft mit einem wollenen Läppchen gereinigt und getrocknet werden und dürfte in der Nähe des Ofens zwischen dem anderen Geschirr auf dem Regal stehen. Von da aus hat man nämlich den besten Überblick über die Küche - und wenn die Küchentür geöffnet war, konnte man sogar einen Blick in die Stube werfen.
"Das möchte ich auch mal werden, wenn ich keine kleine Küchenuhr mehr bin!"
Gelegentlich, wenn sie nachts so am Träumen war und die alte Kirchturmuhr die Stunde schlug, wünschte sie sich, auch so eine große, alte Turmuhr zu werden. Dann könnte sie hoch über dem Dorf leben, könnte die Welt von oben betrachten, alle würden zu ihr aufsehen und sie allein würde über die Zeit und damit auch über das Leben im Dorf wachen - denn im Dorf lebten alle im Rhythmus der Kirchturmuhr. Wenn es morgens sechs mal schlug, dann standen die Menschen aus ihren Betten auf und begannen ihre Arbeit im Haus, im Stall und auf dem Feld.
Mittags würde sie den Menschen mit zwölf Schlägen anzeigen, dass nun das Mittagessen bereitet ist und alle zum Essen kommen sollen.
Abends um neun Uhr würde sie mit ihren Schlägen das Schlafen einläuten.
"Ja, das möchte ich auch mal werden, wenn ich keine kleine Küchenuhr mehr bin!" seufzte sie bei diesen Gedanken wohlig.
So lebte die kleine Küchenuhr viele viele Jahre immer zwischen den Tagen und den Nächten und tickte leise und regelmäßig vor sich hin. Sie war nun eine kleine alte Küchenuhr geworden und manchmal taten ihr die kleinen Schräubchen und Federn in ihrem Inneren etwas weh. Ihre Zeiger waren schon ein wenig wackelig geworden, ihr Schutzglas hatte kleine Kratzer bekommen und ihre schöne Lackfarbe bröckelte an einigen Stellen.
Eines Tages, als die Bäuerin wieder den Schlüssel aus der Tischschublade nahm, um der kleinen Küchenuhr den schönsten Genuss ihres Lebens zu bereiten, da passierte es!
Die Aufzugsfeder hielt dem Druck nicht mehr stand als der kleine Schlüssel sich umdrehte, - sie war alt und morsch - und sie brach einfach mit einem kleinen KRACKS ab.
Als die kleine Küchenuhr wieder zu sich kam, da lag sie auf dem Küchentisch und vor ihr stand eine wunderschöne Dame in einem langen, weißen Kleid. Sie lächelte auf die kleine Küchenuhr herab und sagte: "du hast ein braves Leben als Küchenuhr geführt, warst viele Jahre immer treu und zuverlässig, du darfst dir jetzt aussuchen, was du in deinem nächsten Leben gerne sein möchtest."
Die kleine Küchenuhr war noch ganz benommen und doch sollte sie nun eine ganz wichtige Entscheidung treffen. Sie wurde aufgeregt und die Gedanken der letzten Jahre gingen ihr noch mal durch den Kopf.
Die Zeitung wollte sie mal sein - ja, aber was passiert mit der Zeitung, wenn sie gelesen wurde? Sie endete als Anfeuerung im Ofen und hatte nur ein ganz kurzes Leben.
Nein, das war doch nicht das Richtige!
Ein Kochtopf wollte sie mal sein - ja, aber wenn es ihr nun auf dem Ofen zu heiß würde, dann könnte sie nicht einfach davon laufen - nein, sie müsste es aushalten, Jahr um Jahr, Tag um Tag. Nein, das konnte sie sich nun doch nicht mehr vorstellen.
Die alte Kirchturmuhr - das wäre doch noch was! Je länger sie darüber nachdachte, um so besser gefiel ihr der Gedanke.
Eben wollte sie ihn aussprechen, da fiel ihr Blick aus dem Fenster, durch das sie vom Küchentisch aus besonders gut sehen konnte.
Sie sah eine grüne, satte, saftige Wiese die sich über einen wunderschönen Deich schmiegte.
Über der Wiese, direkt angrenzend leuchtete ein sattes Blau - das Himmelsblau wie es schöner und tiefer nicht sein kann. Auf dem Blau des Himmels schwebten sanft ein paar knuddelige Wölkchen dahin. Aber das Beste fiel ihr erst jetzt in den Blick. Auf dem Deich grasten friedlich und wollig ein Dutzend Schafe, wanderten hier und da hin, knabberten am frischen Grün, wackelten lustig mit den Ohren und den Schwänzchen und machten einen völlig zufriedenen, friedlichen Eindruck.
Der kleinen Küchenuhr gingen fast die Augen über. Es war ein herrliches Bild und sie konnte sich kaum satt sehen, so schön war das.
Leise flüsterte sie zu der netten Dame: "Was ist das? Das ist ja wunderschön! "Und die Dame antwortete: "das sind Schafe auf einer Weide. Sie sind das ganze Jahr draußen auf der Wiese, futtern Gras, sind ganz gemütlich und tun keinem etwas zu leide."
Da erinnerte sich die kleine Küchenuhr an längst vergangene Zeiten, als sie öfter aus dem Fenster geblickt hatte.
Draußen vor dem Fenster gab es nämlich etwas ganz Besonderes. Zu manchen Zeiten hatte es kalt durchs Fenster gezogen, da fielen weiße Wattebäusche zu Boden, ganz sanft und leise. Dann war die Welt in ein strahlendes Weiß getaucht. Und lange Zeit danach taute das Weiße dann weg, es wurde wärmer, grüne Grashalme stießen durch die Erde und tauchte die Welt in ein tiefes, sattes Grün. Dann kamen auch die Schafe und hielten das Grün immer schön auf eine Länge, machten ein zufriedenes Gesicht und kauten mit vollen Backen genießerisch.
Sie liefen mal hier und mal da hin, manchmal so weit, dass sie in der Welt der kleinen Küchenuhr gar nicht mehr vorkamen aber sie waren immer da gewesen.
Und dann gab es noch eine andere Zeit - eine Zeit in der die Blätter von den Bäumen, die so grün waren wie das Gras, ihre Farbe wechselten. Rot, gelb, braun, orange wurden sie und wenn ein Windstoss kam, dann flatterten und trudelten und wirbelten sie lustig von den Bäumen und tauchten die Welt in ein Gemisch aus explodierenden Farben - so lange, bis die weißen Wattebällchen wieder vom Himmel fielen.
Das gefiel der kleinen Küchenuhr ganz besonders gut - sie stellte sich vor, wie es wäre herumlaufen zu können, wie Gras schmeckt, wie es wäre, mit vielen Schafen gemeinsam die Wiese zu mähen, draußen in der Natur bei herrlichem Sturm, der ihr um die Nase wehen würde und dem sie mit ihrem dicken, wolligen Fell trotzen könnte - ja, DAS war ihr Wunsch!
Und so sagte sie der netten Dame, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als im nächsten Leben ein kleines Schaf zu sein. Sie wollte so gerne mit den Gräsern und den Wattebäuschchen und den Blättern um die Wette springen, sich den Wind um die Nase wehen lassen und ein ganz friedliches Leben führen.
Außerdem wäre sie dann nicht so weit von dem Bauern und der Bäuerin weg, die sie sonst doch zu sehr vermissen würde.
Die gute Fee - denn nichts anderes war die Dame - gestattete der kleinen Küchenuhr gerne diesen Wunsch und ließ sie in einen tiefen Schlaf fallen - schlaf schön, kleine Küchenuhr und wenn du wach wirst, dann wird dein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen sein.